Ich bin Viele – und trotzdem Ich Trauma, KPTBS, DIS, Überleben, Therapie, Alltag. Ein Raum, in dem ich meine Geschichte erzähle – ehrlich, mutig, ungeschönt.
Autor: Tanja Gedanken WG
Ich schreibe hier aus Betroffenenperspektive über Alltag mit Trauma und DIS – als Gedanken-WG.
Keine Therapie, keine Diagnose, keine Anleitung. Nur Worte, die halten dürfen.
(Gedanken-WG erklärt: Dissoziation ist kein „Nichts“) Manchmal sagen wir: „Ich fühle nichts.“ Und gleichzeitig reagiert der Körper:
Herzrasen
Druck im Brustkorb
Übelkeit
Zittern
Erschöpfung Das ist kein Widerspruch. Das ist Dissoziation. 🧠Gefühlslos ≠ reaktionslos Wenn Gefühle zu viel wären, schaltet das System sie ab. Der Körper jedoch bleibt wachsam. Er reagiert weiter – ohne bewusste Emotion. Nicht, weil etwas kaputt ist. Sondern weil es früher nötig war. 💙WG-Fazit Nichts zu fühlen heißt nicht, dass nichts da ist. Es heißt nur: Der Körper trägt gerade allein
(und warum das nichts verharmlost) Manche sagen: „Darüber sollte man keine Witze machen.“ Doch. Für uns schon. 🎭Humor ist kein Weglachen – sondern Durchatmen Unser Humor ist:
schwarz
schräg
manchmal unbequem Aber er ist auch:
regulierend
verbindend
entlastend Humor schafft Abstand, wo sonst nur Schmerz wäre. 🧠Lachen entlastet das Nervensystem Wenn wir lachen:
sinkt Spannung
wird das Unerträgliche kurz tragbar
bekommen wir wieder Handlungsspielraum Humor ist kein Zeichen von Verdrängung. Er ist ein Überlebensskill.
🤝Humor verbindet Anteile In der Gedanken-WG bedeutet Humor:
Wir können gemeinsam über etwas sprechen
ohne darin zu versinken
ohne dass jemand allein bleibt Manchmal ist ein Witz das Einzige, was gerade möglich ist. 💙WG-Fazit Wir lachen nicht, weil es lustig war. Wir lachen, weil wir noch da sind. Und weil Humor manchmal die sanfteste Form von Widerstand ist.
Es gibt Tage, da ist der Supermarkt einfach nur ein Supermarkt. Und dann gibt es Tage, da ist er:
ein Meer aus Geräuschen,
ein grelles Lichtfeld,
ein Ort voller unbekannter Gesichter,
ein Labyrinth aus Reizen,
und ein Trigger für etwas, das ich nicht mal in Worte fassen kann.
Für andere ist der Einkauf Routine. Für mich ist er manchmal ein Kampf ums Dableiben, ums Atmen, ums Zusammenhalten, ums Überleben.
🚪 Vor der Tür – der erste Widerstand
Schon bevor ich reingehe, spüre ich sie: die Anspannung im Körper, das Ziehen im Inneren, die Frage:
👉 „Schaffen wir das heute?“
Sam ist leise und unsicher. Liss zieht sich zurück. Wednesday scannt alles und wirkt streng. Mila hüpft herum, ohne zu verstehen, warum wir angespannt sind. Lusy versucht, Klarheit reinzubringen.
Ich atme. Und gehe rein. Weil ich muss. Für die Kinder. Fürs Leben. Weil niemand sonst es für mich macht.
🍎 Gang 1 – Reize, die zu viel sind
Die Helligkeit. Das Piepen der Kassen. Menschen, die zu nah vorbeigehen. Gerüche, die etwas in mir anrühren, das ich nicht benennen kann.
Ich sehe Tomaten. Ich sehe Gurken. Ich sehe Menschen. Und alles verschwimmt ein bisschen.
Sam flüstert: „Es ist zu laut…“ Liss zieht sich tiefer zurück. Wednesday ist sofort angespannt. Mila redet ohne Punkt und Komma. Lusy versucht, Ruhe reinzubringen.
Und ich? Ich versuche, mich daran zu erinnern, was wir überhaupt brauchen.
🥫 Gang 2 – Alltägliche Dinge, die plötzlich unmöglich sind
Ich stehe vor einem Regal. Putzmittel. Ganz normale Putzmittel.
Und plötzlich passiert es: Ich bin da – und gleichzeitig nicht mehr. Die Welt wird leiser und weiter weg. Mein Kopf wie Watte. Ich funktioniere nicht mehr. Und ich merke:
👉 Ich dissoziiere.
Ein Anteil übernimmt. Welche? Ich weiß es erst hinterher.
Wenn ich wieder auftauche, halte ich ein Produkt in der Hand, von dem ich nicht weiß, wie es da hingekommen ist.
Innen ist Chaos. Außen sehe ich normal aus.
Und niemand merkt, dass ich gerade vollständig „weg“ war.
🥣 Gang 3 – Nudeln und verlorene Minuten
Ich stehe im Nudelgang. Ich erinnere mich daran, dass wir hier etwas brauchen. Ich weiß aber nicht mehr was. Mein Inneres driftet. Der Boden unter mir fühlt sich fremd an.
Dann:
Ein Wechsel. Ein zweiter Wechsel. Ein dritter.
Ich komme wieder zu mir und merke:
ich stehe woanders
mit anderen Dingen im Wagen
ich fühle mich fremd im eigenen Körper
Es sind Minuten vergangen. Vielleicht mehr. Ich weiß es nicht.
🧃 Gang 4 – Wenn die Seele flüchtet
Ein Kind schreit. Jemand hustet. Ein Einkaufswagen knallt. Gerüche mischen sich. Erinnerungen steigen auf.
Das Innen-System zieht sich zurück. Einer übernimmt. Ich verliere den Kontakt.
Ich bin körperlich anwesend – aber nicht wirklich da.
Diese Momente sind schwer. Weil sie zeigen, wie sehr mein Gehirn immer noch schützt, auch wenn ich eigentlich nur Schorle kaufen wollte.
💳 Gang 5 – Die Kasse und der Moment, den ich nie vergesse
Ich stehe an der Kasse. Menschen warten. Das Gerät blinkt. Ich weiß, dass ich bezahlen muss.
Aber mein Gehirn schaltet ab. Komplett.
Ich weiß wirklich nicht mehr:
wie man die Karte benutzt
wohin sie gehört
was der nächste Schritt ist
oder wie der Vorgang funktioniert
Ich starre das Gerät an, als wäre es ein Rätsel, das ich noch nie gesehen habe.
Innen:
Sam hat Angst.
Liss ist verschwunden.
Mila ist überfordert.
Wednesday ist im Alarmzustand.
Lusy versucht zu helfen.
Ich bin weg.
Und dann – ganz plötzlich – ein Anteil übernimmt. Bezahlt. Funktioniert.
Ich komme wieder rein und tue so, als wäre nichts passiert.
Aber in mir schreit alles:
👉 „Ich war gerade weg.“
🚗 Im Auto – Die Stille danach
Ich sitze endlich im Auto. Und es fällt ab. Alles.
die Überforderung
die Angst
das Zusammenhalten
das Verlorensein
die Müdigkeit
der Schmerz des Nicht-Dableibens
Ich spüre mich wieder. So halb. Genug, um zu sagen:
„Wir haben es geschafft.“
Aber auch:
„Warum muss so etwas Alltägliches so schwer sein?“
❤️ Fazit – Einkaufen mit DIS ist kein Witz. Es ist ein Kraftakt.
Es ist kein „bisschen Stress“. Es ist kein „ich mag keine Läden“.
Es ist ein Kampf:
gegen Überwältigung
gegen alte Erinnerungen
gegen Anteile, die Schutz brauchen
gegen Überlastung
gegen Leere
gegen Dissoziation
gegen das Gefühl, verloren zu gehen
Und trotzdem mache ich es.
Weil ich muss. Weil meine Kinder eine Mutter brauchen. Weil ich leben muss. Weil ich funktionieren muss. Weil ich keine Wahl habe.
Die Gedanken-WG sagt:
Lusy: „Mir schaffad des. A jeda Tag wieder.“
Sam: „Es ist schwer, aber wir versuchen’s zusammen.“
Liss: (leise) „Ich brauch Sicherheit…“
Wednesday: „Ich pass auf.“
Mila: „Wir haben’s geschafft!!“
Und ich… ich atme. Und fahre nach Hause. Mit Nudeln. Mit Schorle. Mit einem überlebten Tag.
Willkommen zu einer neuen Runde: „Wer wohnt eigentlich alles in meinem Kopf?“ Die einzig wahre Führung durch die chaotischste, unfreiwilligste WG der Welt.
Bitte beachten: Hier drin gibt’s keinen Mietvertrag, keine Ordnung, und absolut niemand hält sich an Ruhezeiten.
(gut gemeint ≠ gut) Ein Gedanken-WG-Beitrag für Angehörige, Freund:innen und Helfer:innen Viele Menschen meinen es gut. Wirklich gut. Und trotzdem tut manches davon weh. Oder macht alles schlimmer. Nicht aus Bosheit. Sondern aus Unwissen. ✅Was uns hilft Das hilft wirklich – auch wenn es unspektakulär klingt:
Ruhe, wenn unser Nervensystem hochfährt Hilfreiche Sätze sind zum Beispiel: „Ich glaube dir.“ „Sag mir, was du gerade brauchst.“ „Es ist okay, wenn das jetzt nicht geht.“ „Du musst dich nicht erklären.“ ❌Was uns schadet (auch wenn es nett gemeint ist) Manches klingt positiv – wirkt aber wie Druck:
„Reiß dich zusammen.“
„Das ist doch schon vorbei.“
„Du musst nur positiver denken.“
„Andere haben es schlimmer.“
„Du wirkst doch ganz normal.“
„Jetzt ist doch alles gut.“ Diese Sätze sagen ungewollt: Dein Erleben stimmt nicht. Und genau das triggert Scham, Rückzug oder Alarm. 💙WG-Fazit Gut gemeint ist nicht automatisch gut. Hilfreich ist, was Sicherheit gibt – nicht, was beschwichtigt. Man muss Trauma nicht verstehen, um respektvoll damit umzugehen. 🧱Warum Kontrolle für unser System Sicherheit bedeutet (und nichts mit Macht oder Starrheit zu tun hat) „Du musst lernen, loszulassen.“ Ein Satz, den wir oft hören. Und der leider komplett am Thema vorbeigeht. 🧠Kontrolle ist bei uns kein Luxus – sie ist Schutz Für unser System bedeutet Kontrolle:
Überblick behalten
Vorhersehbarkeit
Sicherheit für alle Anteile Kontrolle heißt nicht: alles bestimmen wollen. Kontrolle heißt: nicht wieder ausgeliefert sein. 📋Struktur = Beruhigung fürs Nervensystem Dinge, die für andere „unnötig streng“ wirken, sind für uns:
feste Abläufe
klare Regeln
wiederkehrende Rituale
feste Plätze
bekannte Abfolgen Struktur sagt unserem Nervensystem: „Du bist sicher. Es passiert nichts Überraschendes.“ 🧩Regeln sind kein Starrsinn – sie sind Selbstschutz Innere und äußere Regeln helfen:
Switches abzufedern
Überforderung zu vermeiden
den Alltag überhaupt zu schaffen Wenn wir sagen: „So geht es für uns nicht.“ dann ist das keine Verweigerung. Es ist Selbstregulation. 💙WG-Fazit Kontrolle ist für uns kein Machtinstrument. Sie ist ein Geländer an einer steilen Treppe. Und manchmal ist dieses Geländer der einzige Grund, warum wir weitergehen können.
(Spoiler: Tut sie nicht.) Kennst du das? Du bist am Limit. Dein Nervensystem brennt. Dein Körper streikt. Und jemand sagt: „Hast du es mal mit Selbstfürsorge versucht?“ 🌸Die große Selbstfürsorge-Illusion Als wäre ein Bad, eine Kerze und ein Tee die Lösung für:
Trauma
Dissoziation
Flashbacks
jahrelange Überforderung Spoiler: Nein. Selbstfürsorge ist wichtig. Aber sie ist kein Reparaturset. 🧠Was Selbstfürsorge NICHT ist
kein Reset-Knopf
kein Ersatz für Therapie
kein Beweis, dass du „es nicht richtig machst“
kein Schutzschild gegen Trigger Wenn dein System im Alarm ist, hilft keine Duftkerze gegen ein brennendes Haus. 💡Was Selbstfürsorge WIRKLICH ist
ein Baustein, kein Allheilmittel
Unterstützung, nicht Lösung
manchmal: einfach überleben Und manchmal bedeutet Selbstfürsorge auch:
absagen
nichts tun
Hilfe annehmen
Grenzen setzen 💙WG-Fazit Selbstfürsorge ist kein Zaubertrick. Sie ist Teil eines größeren Ganzen. Und wenn sie heute nicht hilft, bedeutet das nicht, dass du versagt hast. Es bedeutet nur: Dein System braucht mehr als einen Tee.
(oder: Warum hier nie nur eine Meinung existiert) In einer normalen WG gibt es Streit über Müll, Musik oder Abwasch. In der Gedanken-WG streiten sich gleich ganze Überlebensstrategien. Nicht, weil wir kompliziert sein wollen. Sondern weil wir überlebt haben. 👥Die drei großen WG-Gruppen 🛡️ Beschützer Die mit dem Notfallkoffer im Flur. Sie sind schnell. Laut. Manchmal streng. Und immer überzeugt: „Gefahr! Jetzt!“ Sie schützen Grenzen, Körper, System. Auch dann, wenn die Außenwelt nichts Bedrohliches sieht. 🔗 Täterloyale Anteile Die missverstandenen WG-Mitglieder. Sie wirken widersprüchlich. Passen sich an. Relativieren. Wollen es „richtig machen“. Nicht, weil sie böse sind. Sondern weil sie gelernt haben: Anpassung = Überleben. Sie tragen alte Regeln, alte Stimmen, alte Loyalitäten. Und ja – das ist schwer auszuhalten. Auch für uns. 🧺Alltagspersonen Die, die einfach nur funktionieren wollen. Einkaufen. Termine. Kinder. Leben. Sie halten den Laden am Laufen und stehen oft zwischen allen Stühlen. 🎬Das WG-Drama Beschützer: „STOPP. Das ist gefährlich.“ Täterloyal: „Nein, wir müssen nett sein. Das war früher auch so.“ Alltagsperson: „Ich wollte eigentlich nur zur Apotheke.“ Und während außen jemand sagt: „Du wirkst doch ganz normal.“ läuft innen eine komplette Krisensitzung. 💙WG-Fazit Dieses Drama ist kein Chaos. Es ist ein Überlebenssystem, das zu lange zu viel tragen musste. Verstehen hilft. Einordnen hilft. Verurteilen schadet.