Auch wenn er sich exakt so verhält.
Er startet Alarme ohne Vorwarnung,
verweigert Mitarbeit bei wichtigen Terminen
und reagiert auf harmlose Situationen,
als stünde gleich ein Säbelzahntiger im Flur.
Er meldet sich mit Herzrasen, Druck, Übelkeit, Zittern,
und sagt dabei nie dazu, warum.
Er erklärt nichts.
Er kommentiert nicht.
Er liefert nur Symptome.
Und ja – das fühlt sich oft an wie Sabotage.
Wie ein schlecht gelaunter Mitbewohner,
der mitten in der Nacht den Feueralarm testet
und danach so tut, als wäre nichts gewesen.
Aber der Körper ist kein Gegner.
Er ist derjenige,
der damals da war,
als Weglaufen nicht ging,
Reden nicht möglich war
und niemand gefragt hat,
ob das gerade zu viel ist.
Er hat gespeichert,
was der Kopf nicht speichern durfte.
Er hat übernommen,
als Denken gefährlich gewesen wäre.
Er hat reagiert,
damit wir es nicht mussten.
Nicht elegant.
Nicht leise.
Aber wirksam.
Der Körper ist Erinnerer, Beschützer und Träger.
Er erinnert sich nicht in Sätzen,
sondern in Spannung.
Nicht in Bildern,
sondern in Zuständen.
Er beschützt nicht mit Argumenten,
sondern mit Alarm.
Nicht mit Logik,
sondern mit Reflexen.
Und er trägt Dinge,
die viel zu schwer waren,
um sie bewusst zu fühlen –
und die trotzdem irgendwo hinmussten.
Leider trägt er sie bis heute.
Auch dann, wenn die Gefahr längst vorbei ist.
Auch dann, wenn wir erwachsen sind.
Auch dann, wenn die Außenwelt sagt:
„Jetzt ist doch alles gut.“
Und ja – manchmal übertreibt er.
Er schlägt Alarm bei Kleinigkeiten.
Er friert ein,
wenn wir eigentlich funktionieren müssten.
Er macht schlapp,
obwohl „objektiv gesehen“ nichts passiert.
Aber aus seiner Perspektive
ist jede dieser Situationen
ein potenzielles Risiko.
Er arbeitet mit alten Daten.
Sehr alten Daten.
Und die Updates kommen langsam.
Und genau deshalb verdient er Verständnis – kein Misstrauen.
Misstrauen sagt:
„Du bist falsch.“
Verständnis sagt:
„Du hast Gründe.“
Misstrauen versucht,
den Körper zu übergehen,
zu ignorieren,
zu kontrollieren.
Verständnis hört hin,
bremst,
passt an,
und sagt manchmal:
„Okay. Dann heute eben nicht.“
Nicht, weil wir schwach sind.
Sondern weil wir gelernt haben,
dass Überleben kein Wettkampf ist.
Gedanken-WG-Schlusswort:
Der Körper ist kein Feind.
Er ist ein traumatisierter Sicherheitsdienst
mit zu sensiblen Sensoren
und einer extrem niedrigen Fehlalarm-Toleranz.
Er macht seinen Job,
auch wenn er ihn schlecht erklärt.
Auch wenn er nervt.
Auch wenn er uns regelmäßig in den Wahnsinn treibt.
Und vielleicht –
nur vielleicht –
müssen wir ihn nicht umerziehen.
Vielleicht reicht es,
ihn endlich nicht mehr zu bekämpfen.
– Deine Gedanken-WG